Bolivien

Mit dem Blasrohr ausgerechnet nach Südamerika? Das klingt zunächst seltsam. Doch die richtige Handhabung dieses Instrumentes zur Betäubung und Behandlung von  Zoo- und Wildtieren ist selbst in den Ländern oft nur wenig hinreichend bekannt,  in denen Blasrohre einst als Jagdwaffen erfunden wurden.

Deshalb reiste Professor Dr. Henning Wiesner zusammen mit der Tierärztin Miriam Wiesner im April diesen Jahres nach La Paz. Der dortige Zoo wird derzeit komplett umstrukturiert und umgebaut. Die Akademie für Zoo- und Wildtierschutz e.V. sollte dabei beratend zur Seite stehen und gleichzeitig auch den Umgang mit dem Blasrohr vermitteln. Eine anstrengende, aber sehr erfolgreiche Mission.

Der Kontakt nach La Paz war genau ein Jahr zuvor durch Alexandra Falter hergestellt worden, die Professor Dr. Henning Wiesner und Miriam Wiesner auch als Übersetzerin und Ansprechpartnerin vor Ort nach Bolivien begleitete. Ihre Reise führte die Drei nach La Paz, der mit weit über 3000 Meter höchsten Stadt der Welt. Hauptziel der Reise war es, die tierschonende Distanzimmobilisation mit dem Blasrohr als zentralen Kern der Arbeit in einem Zoo zu erläutern. Denn auch Zootiere sind und bleiben wilde Tiere, die sich nicht auf Zuruf vom Menschen impfen, untersuchen oder behandeln lassen. Mit Hilfe des Blasrohrs und mit dem Wissen um die entsprechende Pharmazeutik können sie jedoch tierschonend, angst- und schmerzfrei sowie  lautlos betäubt und behandelt werden.   

Bolivien

Bereits am Flughafen wurde das Trio herzlich von MSc. Mariana Daza von Boeck, der Zoodirektorin vom Zoo Vesty Pakos, in La Paz empfangen. Gleich am Tag ihrer Ankunft besuchten sie den Zoo, um sich ein Bild der aktuellen Lage zu machen. Der Zoo hier spielt im Alltagsleben der heimischen Bevölkerung eine wichtige Rolle. Er dient als Naherholungsgebiet in der drittgrößten Stadt des Landes mit offiziell rund einer Million Bewohnern. Hier picknicken Familien mit ihren Kindern, hier haben sie Kontakt zu Tieren, die ihnen sonst fremd bleiben würden. Hier lernen sie alles, was es über diese Tiere und die gesamte Biodiversität zu wissen gilt.

Der Zoo in La Paz befindet sich zurzeit in einer Umstrukturierungs- und Umbauphase. Diese ist für die kommenden Jahre angesetzt. Zum Beispiel werden gegenwärtig neue Gehege (beispielsweise für die Jaguare) gebaut und alte (beispielsweise für die Kondore) erneuert. Des Weiteren wollen die Verantwortlichen verschiedene Programme realisieren, vor allem für Kinder und Jugendliche, um damit die Artenvielfalt des Landes, die Aufgaben eines Zoos und auch den Umgang mit Tier und Umwelt zu vermitteln. Dabei will die Akademie helfen. Maßgeblich geht es nun auch darum, den Zoo ansprechender für Tier und Mensch zu gestalten und auch das Thema Tierschutz entsprechend einzubinden.  

Begonnen hatte aber alles mit einem zweitägigen Kongress („Primer Encuentro de Centros de Custodia de Fauna Silvestre en Bolivia“), der zum ersten Mal Tiermediziner, Biologen und andere, sich dem Tierschutz widmenden Experten, aus dem ganzen Land zusammengebracht hat und ihnen eine Plattform für Wissens- und Erfahrungsaustausch bot. In diesem Rahmen hielt Prof. Dr. Henning Wiesner zwei Vorträge. Zum einen sprach er über die Ballistik eines Blasrohrs  und zum anderen über die Immobilisation damit selbst, was mit großem Interesse verfolgt wurde. An diesen zwei Vortragstagen wurden die Bereiche der Tiermedizin und des Tierschutzes deutlich, mit denen sich die verschiedenen Institutionen in Bolivien auseinanderzusetzen haben. Besonders ins Gewicht fielen die Markierung und die Wiedereinbürgerung von Tieren in die freie Wildbahn. So ist mittlerweile von Staatswegen vorgeschrieben, dafür Tiere zu markieren, beispielsweise Vögel zu beringen. Das Problem für die Experten vor Ort dabei war bislang,  an die Tiere heranzukommen. Daher waren für sie die neuen Erkenntnissse über die tierschonende Distanzimmobilisation via Blasrohr sehr hilfreich. Bislang hatten sie nur mit einem Betäubungsgewehr gearbeitet – mit fatalen Folgen: Denn ein Drittel der so „beschossenen“  Tiere sterben allein an der hohen Auftreffwucht der Betäubungspfeile.

Nach der Theorie folgte die Praxis im Zoo selbst: Dort demonstrierten Prof. Dr. Henning Wiesner und die Tierärztin Miriam Wiesner, die hier maßgeblich als veterinärmedizinische Übersetzerin fungierte, eindrucksvoll das Befüllen der Pfeile und die richtige Handhabe mit dem Blasrohr. Dann durften alle Teilnehmer sich selbst darin üben. Diese waren der Zootierarzt M.V.Z. Fidel Fernández Anagua, die Zoodirektorin Mariana Daza von Boeck, die Biologen, aber auch die Tierpfleger des Zoos. Es wurden zwei Übungsgruppen gebildet, die von Prof.Dr. Henning  Wiesner und Miriam Wiesner geleitet wurden. Zudem bat die Zooleitung Prof. Dr. Henning Wiesner darum, sich die klinischen Fälle anzusehen. Schnell stellte sich heraus, dass bei sehr vielen Tierarten, zum Beispiel bei den Primaten, den Jaguaren und den Vögeln, ein Vitaminmangel vorliegt.  

Bolivien 2129Bei einem abschließenden Gespräch wurden für die Zukunft verschiedene Projekte ins Auge gefasst, die sehr gut in bestehende Umstrukturierungsmaßnahmen eingebunden und die in absehbarer Zeit ohne übermäßigen finanziellen Aufwand umgesetzt werden können. Dazu gehört in erster Linie das Projekt „Kondor“, das zum Ziel die Nachzucht der bestehenden Individuen  und den Freiflug der Nachkömmlinge über La Paz hat. Als Wappentier Boliviens übernimmt der Kondor eine wichtige Rolle. Um dies zu realisieren, ist profundes Wissen über diese Tierart und ihre Eigenheiten ebenso nötig wie ihr Schutz  in der freien Natur. Ein weiteres Projekt, das Prof. Dr. Henning Wiesner empfohlen hat, ist, einen Streichelzoo mit Alpakas und künftig auch Vicuñas einzurichten. Ziel ist es, die einheimischen Arten nicht nur zu zeigen, sondern sie auch so den Menschen näherzubringen, die auch hier oftmals den Bezug zu „ihren“ Tieren verloren haben. Deshalb regte Prof. Dr. Henning Wiesner auch an, das Vogelgehege begehbar zu gestalten, um so den Kontakt von Mensch und Tier zu ermöglichen. Für eine zukünftige Umsetzung im Hinblick auf Gehegestruktur und Fütterung soll die langjährige Erfahrung von Dr. Wiesner auch weiterhin in Anspruch genommen werden.

Die Zusammenarbeit wurde mit einem längeren Gespräch beim Bürgermeister der Stadt La Paz, Herrn Dr. Luis Revilla Herrero, und einer Erklärung des Projekts vor der Presse abgerundet. Besonders Prof. Dr. Wiesners „Urteil“ über den derzeitigen Zustand der Zooanlagen und seiner Tiere stieß auf große Aufmerksamkeit und soll nun auch praktisch umgesetzt werden. So erklärte sich Herrero bereit, Gelder für die Anregungen und Empfehlungen Prof. Dr. Wiesners im Zoo zur Verfügung zu stellen.

Der Zoo

Vesty Pakos liegt etwas außerhalb der Stadt landschaftlich sehr schön gelegen in einem zerklüfteten Tal. Durch seine Lage am Fluss erweckt er bei den Menschen den Eindruck einer Oase in der Nähe einer Großstadt. Der Zoo wird von Direktorin, MSc. Mariana Daza von Boeck geleitet, Zootierarzt ist M.V.Z. Fidel Fernández Anagua. Unterstützt wird er maßgeblich auch von der Stadtpolitik, namentlich vertreten durch den Bürgermeister Dr. Luis Revilla Herrero. Ohne die Unterstützung seitens der Politik wären Pläne, wie sie nun in La Paz verwirklicht werden sollen, nicht möglich. So wurde auch der Kongress, der vor Ort anlässlich des Besuchs der Akademie für Zoo- und Wildtierschutz e.V. aus München im Zoo Municipal Vesty Pakos abgehalten wurden, durch verschiedene Institutionen unterstützt – und damit erstmals auch eine ganz neue Form des Austausches ermöglicht. Diese Institutionen sind das „Gobierno Autónomo Municipal de La Paz“, die „Fundación estas VIVO“ und das „Ministerio de Medio Ambiente y Agua (MMA y A)“.

Welche Tiere leben im Zoo Vesty Pakos?

Schwerpunktmäßig wurde über die künftige Haltung von Jaguaren, Löwen, Brillenbären, Kondoren, Pecarís, Gürteltiere, Füchse, Llamas, Echsen, Nandus und Schildkröten diskutiert.
Weiter Informationen über den Zoo unter www.lapaz.bo

Ein persönliches Dankeschön von Fidel Fernandez erreichte uns am 21. August 2015

Estimada Miriam:

Muy contentos y mucho más el equipo técnico, un millón de gracias a la Academía  por la donación del Hellaburg que a través de Ustedes ha sido gestionado, pueden estar seguros que el uso de este químico optimizaremos de la mejor manera y en bien de la fauna.

Un abrazo y de manera especial para mi maestro.

Fidel

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