Teil 2: Die Graugans (Anser anser)

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Foto: © Otto Durs

Ein Vogel, der polarisiert

Sie kann zum Auslöser hitziger Debatten werden: die Graugans. Im Landkreis Starnberg wurde beispielsweise im Sommer 2014 über ihre Existenz und die Größe ihrer Population so heftig gestritten, dass die Medien ganze Seiten mit ihnen füllen konnten. Während die einen im Land der fünf Seen vehement die Dezimierung des Bestands forderten, traten andere für ihren Schutz ein. Auslöser der Diskussionen war bayerische Sonderregelung zur Bejagung dieser Vögel. Während nach der Jagdzeitverordnung des Bundes Graugänse nur vom 1. bis 31. August und vom 1. November bis 15. Januar, Kanadagänse sogar nur vom 1. November bis 15. November geschossen werden dürfen, ist die Jagdzeit auf beide Arten in Bayern nun ausgeweitet worden. Demnach dürfen beide Gansarten nun vom 1. August bis zum 15. Januar bejagt werden – allerdings ohne Zielvorgaben oder Abschusspläne. Nachvollziehbar also, dass Tier- und Naturschützer gegen diese Neuregelung Protest einlegen. Wie viele andere Experten halten  auch wir als Akademie für Zoo- und Wildtierschutz  dieses Vorgehen für unsinnig und verwerflich – zumal es sich bei der Gänsen um eine höchst interessante Spezies handelt, deren Erhalt dringend gesichert werden muss.


Ein trickreicher Vogel

Erst seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts lebt die Graugans in Mitteleuropa, früher vor allem in Küstennähe. Im Wasser zeichnet sie sich durch ihre Schwimmkünste aus: Sie kommt dort außerordentlich schnell voran. Aber auch an Land sorgt sie als guter Läufer für erstaunte Blicke. Ihre Art, ausdauernd und schnell zu fliegen ist jedoch besonders bemerkenswert. Die Gänse bilden dafür eine V-Formation, was die für den Flug hinderlichen Luftwirbel vermeidet. Die Vögel sparen also Energie. Zudem sind sie Meister der Arbeitsteilung: Die Flieger am Kopf der Kette lösen sich immer wieder ab. Täglich legen sie so zwischen Rastplatz und Weidegründen zehn Kilometer und mehr zurück. Graugänse sind recht gesellige Wesen und können in Gruppen von 100 bis 1000 Tieren zusammenleben – zumindest außerhalb der Brutzeit von März bis Mai. Während dieser Brutzeit  sind die Eltern 3,5 bis 4 Wochen durch die Mauser flugunfähig. Ihr Nest bauen sie erhöht im Uferbereich. Gänse legen vier bis neun Eier, die das Muttertier 28 Tage ausbrütet. Sind die Jungen geschlüpft kümmern sich beide Eltern darum. Eine Gans wird im zweiten bis dritten Lebensjahr geschlechtsreif. Gänse verfügen außerdem über eine äußerst schnelle Verdauung, weil sie viel rohfaserreiches Futter zu sich nehmen, also Gräser, Wurzeln, Wasserpflanzen, was zu einem raschen Nahrungsdurchsatz führt. Allerdings können Gänse, treten sie zu massenhaft auf, auch ernsthafte Flurschäden in der Landwirtschaft anrichten – an Rübenfeldern, an Kartoffelblättern oder in Getreideäckern.

Ist die Bejagung ein probates Mittel zur Regulierung des Bestands? Nein!

Schon der weltberühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat an Graugansküken Prägungsuntersuchungen, unter anderem am Max-Planck-Institut Seewiesen (Landkreis Starnberg), vorgenommen. Dabei wurde eines schnell klar: Gänse sind sehr lernfähig – was nur einen Rückschluss zulässt: Die Jagd wird die Populationsgröße nicht beeinflussen können. Werden Gänse beschossen, merken sie sich das ganz genau. Sie werden schnell scheu und verlegen ihre Aktivitäten in die Nacht. Wegen dieser ausgeprägten Lernfähigkeit können sie auch von unerwünschten Plätzen, wie Badeufern, Golfplätzen und Liegewiesen, leichter vergrämt und ferngehalten werden als anderes Wassergeflügel.

Gänse als Krankheitserreger?

Gänse können wie auch Entenvögel im Darm Parasiten (Schistosomen: Bilharziella polonica, Trichobilharziella szidate) beherbergen. Deren Eier gelangen mit dem Kot ins Wasser, daraus schlupft eine Wimpernlarve (Miracidium), aus der sich die sogenannten Cercarien entwickeln. Cercarien müssen innerhalb von 10 bis 24  Stunden einen geeigneten Zwischenwirt finden. Bisweilen „irren“ sie sich hier in der Wahl ihres Zwischenwirts: Dann nämlich, wenn sie sich dafür den Menschen aussuchen. Zumeist geschieht dies beim Baden. Cercarien bohren sich dabei durch die intakte Haut und führen zu einer Badedermatitis (im Volksmund als „ Entenflohbefall“ bezeichnet) mit den dafür typischen Symptomen: Rötungen, Nesselfieber, Papeln (kleine Knötchen) und teilweise erheblichem Juckreiz. Die Symptome klingen nach 10 bis 20 Tagen ab, da sich die Parasiten im Menschen als Fehlwirt nicht weiter entwickeln können. Bleibende Schäden hinterlassen Cercarien aber nicht. Dennoch sollten Kinder bei starkem Befall zur Behandlung zu einem Arzt gebracht werden.

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